Vorarbeit: Genlabor der Sicherheitsstufe 2. Vor der Therapie bei Menschen steht die intensive Grundlagenforschung
Ein winziger Fehler im Erbgut kann katastrophale Folgen haben. Ein einziger falscher Genbaustein unter drei Milliarden, und ein Mensch erblindet, sein Immunsystem arbeitet nicht richtig, oder die roten Blutkörperchen transportieren nicht genug Sauerstoff.
Hier setzt die Gentherapie an. Das Prinzip: Den Patienten soll, zum Beispiel mithilfe eines Virus, das intakte Gen in die kranken Zellen geschleust werden. Erste Studien in den 90er-Jahren verliefen vielversprechend. Doch es kam auch zu schweren Nebenwirkungen. Manche Patienten erkrankten an Krebs, einige starben. Es wurde wieder still um die Gentherapie.
Seit einiger Zeit kommen nun neue Erfolgsmeldungen: Amerikanische Forscher spritzten Patienten, die aufgrund eines Gendefekts fast blind sind, das intakte Gen in das Auge. Das Sehvermögen verbesserte sich danach deutlich. Französische Ärzte konnten bei zwei Jungen eine tödliche Nervenkrankheit aufhalten, und deutsche Forscher behandelten Kinder mit einer schweren Immunschwäche erfolgreich.
Professor Klaus Cichutek ist Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, der für die Genehmigung von Gentherapien zuständigen Bundesbehörde
Es gibt mehrere Probleme: Bei der Gentherapie von Erbkrankheiten werden sogenannte Vektoren oder Genfähren benötigt, zum Beispiel nichtinfektiöse Viren, die das therapeutische Gen in Körperzellen einschleusen und in deren Erbgut einfügen. Diese Genfähren enthalten auch Elemente, die das neue Gen einschalten, damit die Zelle das entsprechende Eiweiß in ausreichender Menge bildet.
Diese Elemente haben zum Beispiel bei der Gentherapie einer schweren Immunschwächekrankheit namens SCID-X1, aber ebenso bei anderen Krankheiten dazu geführt, dass auch benachbarte Krebsgene eingeschaltet wurden und sich bei einzelnen Patienten eine Leukämie oder ein Tumor entwickelte. Ein weiteres Problem ist die Effizienz, also sicherzustellen, dass das therapeutische Gen auch wirklich auf möglichst viele Zellen übertragen und die Immunschwäche behoben wird.
Ja. Die Gentherapeuten haben in den vergangenen Jahren viele Fortschritte gemacht. So benutzen sie nun teilweise keine Genfähren mehr, die Tumore erzeugt haben. Man nimmt jetzt sogenannte selbst inaktivierende Vektoren. Wenn diese in das Erbgut der Zelle eingebaut werden, schalten sie nur noch das therapeutische Gen ein, aber kaum mehr benachbarte Gene. Damit wurden bei mehreren Erbkrankheiten Erfolge erzielt. Sogar große Arzneimittelfirmen interessieren sich wieder für die Gentherapie.
Das war verfrüht. Es gab große Hoffnungen aufgrund erster positiver Erfahrungen auf dem Gebiet. Aber dann erkrankten einige Kinder, die man gegen eine schwere Immunschwäche behandelt hatte, an Leukämie. Man hat da im Grunde nichts falsch gemacht. Die Forscher haben einfach der Reihe nach erleben müssen, dass sich die Erkenntnisse aus Experimenten an Tieren nicht vollständig auf den Menschen übertragen ließen. Inzwischen sind auch diese Sicherheitsfragen vor der Anwendung am Patienten näherungsweise überprüfbar.
Es wird zwar immer wieder einzelnen Patienten geholfen. Doch für die Zulassung geht es darum, in klinischen Prüfungen überzeugende Daten zu erhalten, die zeigen, dass der Nutzen für betroffene Patienten größer ist als die Risiken. Diese Daten gibt es bisher nicht, aber ich gehe davon aus, dass dies in den nächsten Jahren passiert.
Nein, ich würde im Zusammenhang mit Gentherapie nicht von Heilung sprechen. Man kann dann in vielen Zellen, die wichtig sind und eine Krankheit auslösen, den Gendefekt aufheben. Aber je nachdem, wie lange ein Mensch schon krank war, kann er auch bereits Folgeschäden haben. Die Gentherapie soll eine ursächliche Behandlung von Krankheiten und neue Therapiestrategien ermöglichen – neben einigen Erbkrankheiten auch bei Krebs oder neurologischen Krankheiten.
Kai Kupferschmidt / Apotheken Umschau;
21.02.2012
Bildnachweis: Action Press/Georg Hilgemann, Westend61/Hanno Keppel
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